Der Fachkräftemangel: Vom Arbeitgebermarkt zum Bewerbermarkt

Jahrzehntelang funktionierte der Arbeitsmarkt nach einem einfachen Prinzip: Das Unternehmen schreibt eine Stelle aus, und Dutzende Bewerber stehen Schlange, um sich von ihrer besten Seite zu präsentieren. Der Arbeitgeber saß am längeren Hebel und konnte selektieren. Dieses Machtgefüge hat sich in den letzten Jahren dramatisch umgekehrt. Wir befinden uns heute in einem reinen Arbeitnehmermarkt. Der Begriff “Fachkräftemangel” ist dabei keine abstrakte Warnung mehr, sondern bittere Realität, die das Wirtschaftswachstum vieler Industrienationen bremst.

Der demografische Wandel schlägt zu Die Hauptursache ist Demografie, nicht Konjunktur. Die Generation der “Babyboomer”, die geburtenstarken Jahrgänge der Nachkriegszeit, geht nun in Rente. Ihnen folgen Generationen (Gen Y, Gen Z), die zahlenmäßig deutlich kleiner sind. Es gehen schlichtweg mehr Menschen aus dem Arbeitsmarkt raus, als junge Menschen nachkommen. Dieser Schwund lässt sich auch durch Digitalisierung und Automatisierung nicht vollständig kompensieren. Besonders betroffen sind MINT-Berufe (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft, Technik), das Handwerk und das Gesundheitswesen. Ein Unternehmen, das heute einen Senior-Softwareentwickler oder eine erfahrene Pflegekraft sucht, muss oft Monate warten, um die Stelle zu besetzen.

Bewerbung umgekehrt Diese Knappheit zwingt Unternehmen zu einem radikalen Umdenken im Recruiting. Früher musste der Bewerber das Unternehmen überzeugen; heute muss das Unternehmen den Bewerber überzeugen. “Employer Branding” (Arbeitgebermarkenbildung) ist zur wichtigsten Disziplin der Personalabteilungen geworden. Es reicht nicht mehr, ein gutes Gehalt und pünktliche Zahlung zu bieten. Bewerber fragen nach Home-Office-Optionen, Nachhaltigkeitsstrategien, Weiterbildungsmöglichkeiten und der Unternehmenskultur.

Der Bewerbungsprozess muss zudem schnell und mobilfreundlich sein. Wer von einem Kandidaten verlangt, ein langes Formular auszufüllen und drei PDFs hochzuladen, hat ihn oft schon verloren. Moderne Unternehmen nutzen “One-Click-Bewerbungen” via LinkedIn oder Xing und reagieren innerhalb von 24 Stunden, nicht Wochen.

Retention ist das neue Recruiting Da es so schwer und teuer ist, neue Mitarbeiter zu finden, wird das Halten der bestehenden Belegschaft (Retention) zur obersten Priorität. Ein Mitarbeiter, der kündigt, hinterlässt nicht nur eine Lücke, sondern nimmt wertvolles Firmenwissen mit. Unternehmen investieren daher massiv in die Mitarbeiterzufriedenheit, Gesundheitsmanagement und flexible Arbeitszeitmodelle. Wer seine Mitarbeiter nicht wertschätzt, wird sie an die Konkurrenz verlieren, die nur einen Mausklick entfernt ist und oft mit besseren Konditionen lockt. Der Fachkräftemangel ist kein vorübergehendes Phänomen, sondern der neue Normalzustand, an den sich die Wirtschaft anpassen muss.

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