Die Veröffentlichung von ChatGPT und ähnlichen generativen KI-Modellen hat eine Schockwelle durch die Arbeitswelt gesendet. Diskussionen, die früher im Bereich der Science-Fiction angesiedelt waren, finden nun in Vorstandsetagen und Kantinen statt: “Wird eine KI meinen Job übernehmen?” Die Angst vor technologischer Arbeitslosigkeit ist nicht neu – sie existierte schon bei der Einführung der Dampfmaschine und des Computers. Doch diesmal fühlt es sich anders an, weil KI nicht nur Muskelkraft ersetzt, sondern kognitive Fähigkeiten: Schreiben, Programmieren, Analysieren und sogar Designen.
Vom Ersatz zur Augmentierung Experten sind sich weitgehend einig, dass KI mittelfristig nicht ganze Berufe ersetzen wird, sondern Tätigkeiten innerhalb von Berufen. Es geht weniger um Substitution als um Augmentierung (Erweiterung). Ein Texter wird nicht durch KI ersetzt, aber ein Texter, der KI nutzt, wird einen Texter ersetzen, der dies nicht tut. Die KI übernimmt die mühsamen, repetitiven Aufgaben: das Zusammenfassen von Meetings, das Schreiben von Standard-E-Mails, die erste Analyse von Datenmengen oder das Erstellen von Code-Gerüsten.
Dies befreit den Menschen für das, was er (noch) besser kann: strategisches Denken, Empathie, ethische Abwägung und komplexe Problemlösung. Der Arzt nutzt KI zur Diagnoseunterstützung, trifft aber die Therapieentscheidung und spricht mit dem Patienten. Der Anwalt nutzt KI zur Recherche von Präzedenzfällen, entwickelt aber die Verteidigungsstrategie vor Gericht.
Neue Kompetenzen: Prompt Engineering Dieser Wandel bringt neue Anforderungen an die Qualifikation mit sich. Die Fähigkeit, mit KI-Systemen zu kommunizieren – das sogenannte “Prompt Engineering” – wird zur Basiskompetenz, ähnlich wie der Umgang mit Word oder Excel in den 90er Jahren. Arbeitnehmer müssen lernen, wie man der Maschine die richtigen Fragen stellt und wie man die Ergebnisse kritisch prüft. Denn KI halluziniert; sie erfindet Fakten mit großem Selbstbewusstsein. Die menschliche Rolle verschiebt sich also vom Ersteller zum Kurator und Qualitätsmanager.
Die ethische Dimension Gleichzeitig wirft der Einsatz von KI am Arbeitsplatz ethische Fragen auf. Wenn Algorithmen entscheiden, wer eingestellt wird oder wer einen Kredit bekommt, besteht die Gefahr, dass Vorurteile automatisiert und verstärkt werden. Zudem stellt sich die Frage nach dem Urheberrecht und dem Datenschutz, wenn sensible Firmendaten in öffentliche KI-Modelle eingespeist werden. Unternehmen müssen klare Richtlinien (“AI Governance”) entwickeln, um sicherzustellen, dass die Technologie als hilfreicher Kollege agiert und nicht als unkontrollierbare Blackbox, die Arbeitsplätze vernichtet.